Über Kunst und Kultur und die Künstlerberufe

July 16, 2018 | Wirtschaftsbranchen a Lëtzebuerg | Alix Bellac

Müssen Kunst- und Kulturschaffende ein unsicheres Leben von Bohemiens führen?

Der Präsident des nationalen Kulturfonds (Focuna), Jo Kox, scheint mit seinem freundlichen Lächeln und seinem sonnenfarbigen Pullover – so unser Eindruck - einen Akzent gegen die graue Stimmung setzen zu wollen.

Kunst und Kulturbereiche verändern sich

Wir hatten uns mit dem Thema bereits befasst. Die Kulturberufe weisen große Unterschiede auf, weil Kunst und Kunsthandwerk ineinander übergehen. Jo Kox äußert dazu Folgendes: „Diejenigen, die in diesem Bereich tätig sind, werden zwar als Angehörige eines Berufszweigs anerkannt, der eigentliche Kern des Kultursektors kennt jedoch keinen Zusammenschluss, ihm fehlt die Struktur und er besitzt – im Unterschied zu den Nachbarländern Frankreich und Belgien – keine Künstlergewerkschaft, was das Leben unzweifelhaft kompliziert“. Der Gesamtkontexte wandelt sich jedoch. Kürzlich entstand in Luxemburg unter Leitung von Trixie Weis ein Zusammenschluss luxemburgischer Bildhauer. Außerdem ist ASPRO, eine Vereinigung der Bühnenkünstler und Theatertechniker, im Großherzogtum aktiv.

Im Zusammenhang mit den kürzlich seitens der Vereinigung IDEA (asbl) veröffentlichten Statistiken liegen uns Daten aus dem Kulturbereich vor , dessen hohe Komplexität klar umrissen werden sollte, äußert sich Jo Kox doch mit Bedauern dahingehend: “Die künstlerischen Berufe werden von der ‘vox populi’ als solche nicht anerkannt. Dennoch ist das Feld der Möglichkeiten sehr groß! Heutzutage lassen sich die wissenschaftlichen Studien enorm ausdifferenzieren, die Überlegungen können an Komplexität weiter zunehmen, und man kann, wenn man Lust verspürt, sogar eine Doktorarbeit über das Theater verfassen“.

Heutzutage lassen sich die wissenschaftlichen Studien enorm ausdifferenzieren, die Überlegungen können an Komplexität weiter zunehmen, und man kann, wenn man Lust verspürt, sogar eine Doktorarbeit über das Theater verfassen.

„Denjenigen Jugendlichen, die sich für einen künstlerischen Beruf interessieren, möchte ich zwar nicht dringend empfehlen, in dieser Richtung beruflich tätig zu werden. Aber falls Sie den festen Entschluss gefasst haben, dann unterstütze ich sie von ganzem Herzen und voller Überzeugung. Solange die künstlerischen Berufe nicht ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt werden, fällt es schwer, sich in diesen als Persönlichkeit zu entfalten. Die Statistiken belegen, dass in diesem Bereich dennoch zahlreiche Personen tätig sind. Sie müssen sich zwecks gesellschaftlicher Anerkennung mächtig anstrengen. Ob es sich nun um junge oder weniger junge Menschen handelt, so gilt doch, dass sie während ihres gesamten Lebens sozial abgesichert werden müssen. Bitten Sie Robert Brandy oder Patricia Lippert, sie mögen ihre berufliche Karriere in einem Kurvenverlauf grafisch darstellen - dies wird die Form eines Sägeblattes ergeben“, betont Herr Kox, um seine vorherigen Ausführungen nachdrücklich zu unterstützen.

Und er kommt auf ein weiteres Charakteristikum zu sprechen, diesmal einen Satz in kafkaschem Stil anführend: „Man ist Bankmitarbeiter, weil eine Bank eine Person wegen dieser Qualifikation einstellt. Man ist Künstler, weil man sich entscheidet, ein solcher zu sein. Und falls diese sich als Künstler ausgebende Person keinen Marktwert besitzt? Und falls doch, dieser Marktwert aber zum Leben nicht unbedingt ausreicht! Das ist eine endlose Problematik, die diejenigen, die das ‚heilige Feuer‘ nicht in sich spüren, gewissermaßen abkühlen wird.

Die Wege in die berufliche Praxis

Wie verhält man sich nun, sobald man die Studien beendet hat und am Anfang einer Karriere steht – wie erreicht man am Markt einen Durchbruch? Nach Ansicht von Jo Kox sollte man Bescheidenheit zeigen und sich mit Geduld wappnen, an den Meetings der Künstler teilnehmen, intensiv Beiträge liefern und private Veranstaltungen organisieren. Aber damit ist es dann doch noch nicht getan.

“Auch wenn man in Luxemburg den Preis Pierre Werner erhält, so ist das noch kein Trampolin – man kann rasch wieder in die Anonymität zurückfallen”

Jo Kox - Präsident des nationalen Kulturfonds (Focuna)

Jo Kox ist der Ansicht, dass vier Ziele erreicht werden müssen, damit man durch die eigene künstlerische Produktion seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Man muss von den offiziellen Einrichtungen anerkannt sein. Dies gilt auch für die Kunstgalerien, wie etwa die Einrichtung „Cercle artistique de Luxembourg“ (CAL), und man muss über ein stabiles privates Netzwerk verfügen, ausreichend in Netzwerke integriert sein und auch die Mund-zu-Mund-Propaganda beherrschen, damit man als Künstler die entsprechende Bekanntheit erlangt. Das Hauptproblem besteht darin, seine Leistungen bekannt zu machen und weiter ‚im Rampenlicht‘ stehen zu bleiben. Es muss unbedingt auf ein weiteres Problem hingewiesen werden: Da Luxemburg über keine Kunstakademie verfügt, stellt man sehr oft Folgendes fest: Die Künstler stellen ihre Werke nicht in ihrem Herkunftsland aus, sondern eher dort, wo sie studiert haben. Dazu sagt uns Jo Kox: „Man muss sich der Herausforderung stellen, seine Werke an seinem Wohnort auszustellen und sich zudem bemühen, den Bekanntheitsgrad in seinem Herkunftsland zu steigern“.

Für die in Luxemburg tätigen Künstler ist dies leichter gesagt als getan. Ständige Wachsamkeit ist geboten, man muss auf dem Sprung sein und sich für alles im Land (Stichwort: culture.lu) interessierten. Man darf keinesfalls zögern, sein Portfolio zu versenden und an Wettbewerben teilzunehmen. Dazukommen muss jedoch eine gehörige Portion Bescheidenheit. Dazu Jo Kox: „Eine große Karriere wird nicht durch die Veröffentlichung eines ersten Artikels in der Zeitung oder durch ein erstes verkauftes Bild begonnen. Niemand ist davor gewappnet, manchmal mittelmäßige Arbeitsergebnisse zu liefern. Selbst Picasso hat etliche ‚Schinken‘ produziert“, meint Jo Kox und fährt fort: „Man muss sich eingestehen, nicht ständig Meisterwerke herstellen zu können. Außerdem sollte man sich an einem im Theater tätigen Schauspieler ein Beispiel nehmen: Allein schon durch die Anwesenheit auf der Bühne wird man besser (vorausgesetzt, dass man talentiert ist). Dagegen handelt es sich für einen Maler oder Tänzer oftmals um eine Achterbahnfahrt“.

Ständig Kräfte sammeln

Hat man sich entschlossen in der Kunstbranche zu arbeiten, so stellt die Weiterbildung wirtschaftlich einen wichtigen Aspekt dar. Jo Kox führt mit einem warnenden Unterton aus: „Es genügt nicht, dass man seine Studien validiert“. Diesbezüglich – im Hinblick auf die Studien und die Weiterbildung - werden vom CEDIS Broschüren mit detaillierten Informationen veröffentlicht, die die Bereiche der Kunst, der Theaters, der Kultur, des Kinos, des Fernsehens und der Architektur berücksichtigen. Bevor man aus Weiterbildungsgründen seinen Heimatstaat verlässt, ist zu bedenken, dass es in Luxemburg zehn Bildungsstätten gibt, die ein Abitur mit künstlerischen Schwerpunkt anbieten, das als klassisches Abitur anerkannt ist. Dann ist auf eine ganze Reihe angesehener Schulen rund um unseren kleinen Staat hinzuweisen. Jo Kox, der sich - zusammen mit seinem dynamischen Team, das treu zu ihm hält - unermüdlich mit der Komplexität des Bereichs befasst, unterstreicht mit schelmischem Blick: „Man kann eine angesehene Schule besucht haben, eine gute Ausbildung absolviert haben, und trotzdem verfügt man über ein begrenztes Talent. Umgekehrt glüht manchmal in einigen Autodidakten ein ‚heiliges Feuer.‘“

passend Aarbechtsplazen
all passend Aarbechtsplazen
passend Artikelen