Kunstgalerie
Die Leidenschaft ist wichtiger als die Rentabilität
Falls es sich um eine echte Berufung handelt – und nur dann…
Betrachtet man die komplette Bandbreite der die Kunst umfassenden Tätigkeitsbereiche, so findet man unter den diesen auserlesenen und prestigeträchtigen Beruf ausübenden Personen wenig Auserwählte. Dennoch soll der Beruf hier vorgestellt werden. Rücken wir also diesen Beruf ins Blickfeld, bei dem die Begeisterung für die Kunst die zentrale Motivation darstellt.
Alex Reding von der Galerie Nosbaum-Reding kommt gleich auf den Kern der Sache zu sprechen: „Ein Galerist zu sein bedeutet ein heiliges Amt auszuüben!“ Der Kunstbegeisterte gibt unumwunden zu, im Anschluss an das Studium der Künste und Kunstwissenschaften in Paris und Düsseldorf seinen Lebensunterhalt durch einen „Broterwerb“ abgesichert zu haben. Diese mutige, von der Bildhauerkunst begeisterte Persönlichkeit, war ursprünglich als Lehrkraft tätig. Das wirkliche Leben ist jedoch seine Galerie. Dies ist das Ergebnis reiflicher Überlegung und belegt auch ein klares Arbeitsethos.
“Es gibt keinen Zufallstreffer; der Beruf ist hart, man muss sich enorm anstrengen, um auf den Messen, auf denen man ausstellen möchte, als Galerist ausgewählt zu werden”
Alex Reding von der Galerie Nosbaum-Reding
„Es geht ganz einfach um Folgendes: Wenn ich in Basel nicht ausgewählt werde, dann erreiche ich die weltweite Kundschaft nicht. Falls die FIAC (in Paris) ohne meine Präsenz stattfindet, dann fehlt mir der Kontakt zu den Parisern und den Franzosen. Je nach den Messen, an denen man teilnehmen möchte, muss man sich darauf einstellen, mehrere Nächte im Hotel zu verbringen. Ich konzentriere meine Aufmerksamkeit auf die fünf Messen im Umkreis von Luxemburg“. Und Herr Reding erwähnt etwas schamhaft seine Frau und seine Kinder, die – so sein verständlicher Wunsch – ein gutes Leben führen sollen.
Herr Reding fasst die komplexen Anforderungen hinsichtlich der Ausübung des Galeristenberufes klar zusammen: „Man muss die Struktur aufbauen und zugleich die anderen Gesichtspunkte beherrschen“. Unter diese Gesichtspunkte fallen die Kreation und Organisation von Events, das „Consulting“, und der Aspekt der redaktionellen Arbeit ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Wichtig ist zudem die Begleitung der Künstler/-innen und die Bemühungen, dass diese wachsende Anerkennung erfahren. Da nun diese Würdigung der Arbeit der Künstler angesprochen wird, sei gefragt: Lässt sich behaupten, dass sich das Wirtschaftswachstum in Luxemburg vorteilhaft auf die Entwicklung der Kunst auswirkt?
Alex Reding äußert sich auch zu dieser Thematik zurückhaltend: „Es ist wirklich sehr schwierig, objektive Merkmale für die Einschätzung der Kunst zu erstellen. Im innerluxemburgischen Bereich stützt man sich tendenziell eher auf den spekulativen Wert des Kunstwerkes. Das grundsätzliche kreative Format eines Künstlers und auch dessen Ausstellungen in bestimmten Institutionen (wie etwa Museen und Galerien etc.) einer bedeutenden Metropole stellen den Referenzpunkt dar. Hier fällt es schwer, ausschließlich künstlerische Kriterien anzuwenden. Hinsichtlich Nosbaum- Reding gilt, dass man zwischen dem internationalen Niveau der in der Kunstgalerie ausgestellten Künstler/-innen und der örtlichen Positionierung geschickt balancieren muss“. Der Galeristenberuf ist also – man hat es verstanden – ein wirkliches Ideal.
„Wir bemühen uns nicht, uns ausschließlich auf den Geschmack des breiten Publikums zu konzentrieren, auch wenn ich gerne zugestehe, dass gewisse Konzeptionen sich leichter erfassen lassen als andere“. Aktuell findet die Avantgarde keinen Zuspruch, und die Werke der als zu formstreng eingeschätzten Konzeptkunst sind schwer verkäuflich. „Wenn jedoch eine Galerie es nicht wagt, die eine oder andere dieser Positionen zu vertreten, kann sie sich dann für den Aspekt der Qualität einsetzen?“ fragt sich Alex Reding.
Über die unbedingt erforderliche Vielseitigkeit
Dies ist ein Gesichtspunkt, den Hervé Lancelin von der gleichnamigen Kunstgalerie teilt. Diese seit ihrer frühesten Kindheit in der Kunst – in allen ihren Formen – ‚gebadete‘ Person, die in Kunstateliers und Ausstellungen sowie Kunstmessen aufwuchs, dieser leidenschaftliche Kunstsammler und Experte des Malers Pierre Soulages (der ihn seit mehreren Jahren dringend bat, seine eigene Galerie zu eröffnen) hat dessen Ankunft im Großherzogtum und die Möglichkeit der Belegung von Räumlichkeiten abgewartet, um endlich in der Stadt seine Kunstgalerie zu eröffnen. Diese Chance, die sich für den Galeristen nach dreißigjähriger Erfahrung als Kunstsammler bot, stellt eine Weiterentwicklung seines Engagements dar und dient der Unterstützung der Künstler/-innen.
„Dies ist eine gute Lösung, wenn man nicht alles selbst kaufen kann“, äußert Hervé Lancelin mit einem Lächeln. Aber er führt warnend an:
“Galerist zu sein bedeutet, einen Beruf mit Leidenschaft auszuüben und sich für die Künstler einzusetzen.”
Hervé Lancelin - von der gleichnamigen Kunstgalerie
„Das ist kein Beruf, den man ergreift, um Geld zu verdienen. Das Publikum betritt die Kunstgalerien nicht spontan. Deshalb muss man Events organisieren, wie etwa Vernissagen, um die Neugier des Publikums zu wecken“. Darin liegt also der ‚Nerv‘ des Berufes, aber nicht ausschließlich. „Ich rate von diesem Beruf dann ab, sofern man ausschließlich ein künstlerisches oder ausschließlich ein kommerzielles Profil besitzt“.
Auf dieses Thema fand die Ecole du Louvre/Essec (Paris) eine adäquate Antwort; sie bietet seit fünf Jahren eine zweigleisige Ausbildung „Ecole du Louvre/école de commerce“ mit komplettem Ausbildungsgang an. Auch wenn die Studierenden ihre Ausbildung dann frisch abgeschlossen haben, stellen sich weitere Herausforderungen. Dazu sagt Hervé Lancelin: „ Das Auge des Galeristen muss in der Lage sein, die künstlerische Originalität und spezifische Handschrift zu erfassen. Und es muss neue Verfahren und Inspirationen, wie sie bisher nicht auftraten, erfassen. Einfache Antworten darf man nicht suchen“. Wir haben also verstanden, dass das Aneignen neuer Bewertungsmaßstäbe eine weitere Herausforderung darstellt, die zu bewältigen ist.
„Wochentags gibt es in der Galerie wenig Besucher; das erlaubt mir, dass ich in meiner verbleibenden Zeit Künstler in ihren Ateliers treffe.“
Die Kunstbedarf des optimalen Zusammenspiels
Einige Kunstgalerien – vor allem solche, die von einer Generation zur nächsten vererbt werden – beschäftigen – was bemerkenswert ist - bis zu 40 Mitarbeiter/-innen. Gar nicht so selten trifft man auf Arbeitsangebote, etwa für einen Kunstgalerie-Assistenten, der die Alltagsarbeit erledigt (Beziehungen zu den Museen, Dokumentationen) oder auch einen Verantwortlichen für Messen und/oder einen Verwalter für die Entgegennahme der Kunstwerke und das Aufhängen bzw. Abhängen der Kunstwerke.
Zur Bewältigung der Arbeitsabläufe in den großen Unternehmen benötigt man auch Verantwortliche für das Fotografieren der Kunstwerke, Fachpersonal für Versicherungen von Kunstwerken bzw. auch Redakteure (Erstellen der Texte für Pressemitteilungen und zudem auch knapperer Zusammenfassungen). In einer kleinen Kunstgalerie erledigt der Leiter alles – und zwar alleine. Hervé Lancelin verdeutlicht: „ Wochentags gibt es in der Galerie wenig Besucher; das erlaubt mir, dass ich in meiner verbleibenden Zeit Künstler in ihren Ateliers treffe.“
Die Kunstgalerie 2.0
Wie in vielen anderen Branchen auch stehen die Zeichen auf Veränderung. Daher entstehen Kunstgalerien der neuen Art. Art Work Circle stellt in Luxemburg die erste Plattform zur Förderung und zum Verkauf von Kunstwerken, die sie speziell auflistet, dar. Seit Dezember 2015 bewirbt die Website die Künstler /-innen Luxemburgs und der Großregion. Die Idee des Gründers, Guy Kerger, bestand darin, seinen Beitrag zur Unterstützung von Künstlern/-innen zu leisten, indem parallel dazu die Kunst in Luxembourg dynamisch weiterentwickelt wird. Didier Damiani, der an der Sorbonne und am Goldsmiths College der Universität London ausgebildet wurde, verfügte über das adäquate berufliche Profil, um bei Art Work Circle die Funktion des Business Development-Managers übernehmen zu können.
Die Kunstgalerie hat in der Stadt keine eigenen Räumlichkeiten. Didier Damiani betont, dass zum Betreiben einer virtuellen Kunstgalerie mehrere Berufe eingebunden werden müssen. Erforderlich sind beispielsweise ein Kunsthistoriker, auch Spezialisten für E-Commerce, Webmaster, Grafiker, Videoproduzenten, Fotografen, Redakteure und Übersetzer, Community Manager, die in ihrer täglichen Arbeit dazu beitragen, die präsentierten Künstler/-innen optimal zur Geltung zu bringen. „Wichtig ist das Multitasking, das man beweisen muss, um in diesem Bereich arbeiten zu können. Heutzutage muss man in der sich beschleunigenden Welt beweglich sein, sich weiterbilden und täglich lernen. Ebenso wie man die Aktivitäten in Bezug auf den Gesamtkontext der Künste beherrschen muss (Beziehungsmanagement, Werbung, Beratung beim Erwerb von Kunstwerken, Begutachtung, Ausstellungsleitung), sind gute Kenntnisse in den neuen Digitalberufen erforderlich (E-Marketing, Benutzererfahrungen, Online-Vertrieb), damit man kreativ und innovativ bleibt.“
In obiger Zwischenüberschrift hatten wir formuliert „Falls es sich um eine echte Berufung handelt, und nur dann…“; das heißt: Der Kunstgaleristen-Beruf orientiert sich an einem Ideal, stellt höchste Ansprüche, bietet jedoch eine Intellektuelle „Entschädigung“. Warum sollte man nicht überlegen, sein Leben auf dieses Ideal auszurichten, statt der Rentabilität um jeden Preis hinterher zu jagen? Drei unterschiedliche Konzeptionen des Tätigkeitsbereichs veranlassen allemal zu interessanten Überlegungen.
