Die künstlerischen Berufe

2. Juli 2018 | Wirtschaftsbranchen in Luxemburg | Alix Bellac

Ein zu kultivierender Reichtum

Der Bereich der kulturellen Berufsfelder ist vielschichtig und liegt an der Schnittstelle der künstlerischen Berufe und des Handwerks. Auch wenn wir oben das Thema umrisshaft erörtert hatten, ist es sinnvoll, dass wir dieses so zahlreiche Zusammenhänge und Querverbindungen aufweisende und umfassende Thema mit Jo Kox, dem Präsidenten des nationalen luxemburgischen kulturellen Fonds (Fonds culturel national Luxembourg, FOCUNA) eingehender erörtern. Er empfing uns in seinen Büros, um uns einige Überlegungen und Ratschlage für Personen aus der jüngeren Generation mitzuteilen. Unser Gesprächspartner bewies ausgeprägten gesunden Menschenverstand und stellte die Sachverhalte und Einschätzungen ohne floskelhafte Sprache dar.

Das Großherzogtum kann für sich in Anspruch nehmen, über ein wichtiges und vielgestaltiges kulturelles und künstlerisches Angebot zu verfügen. Und dies gilt seit dem Jahr 1995, denn in diesem Jahr ernannte die Europäische Union das Großherzogtum Luxemburg zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt. Aufgrund der Engagements und der Unterstützung des Fonds culturel national eröffnete sich ein weites Feld für die künstlerische Kreation, Produktion, Verbreitung und Teilhabe. Aber welche Pandora-Büchse stellt diese Kultur doch dar! Jo Kox, der da ganz in seinem Element ist, erörtert das Thema in seiner ganzen Komplexität.

Man muss von dem, was man macht, überzeugt sein

Fragt man diesen Experten, welche Ratschläge er den an Kulturberufen insgesamt interessierten Jugendlichen erteilen würde, so lässt die Antwort nicht lange auf sich warten. „ Entscheidet man sich für einen künstlerischen Beruf, dann muss man zuerst und vor allem an diesen glauben, neugierig sein, dann immer wachen Geist zeigen, alle sich bietenden Möglichkeiten wahrnehmen und kontinuierlich bestrebt sein, neue Dinge zu lernen. Man sollte sich bemühen und seine Sache gut machen. Dies ist schon eine ganze Menge, es gibt aber so viel zu tun, und dies ist ein wunderbares Projekt, das man anpacken sollte – die Kultur darf nichts Abgeschlossenes sein, man muss sie öffnen!“

“Im digitalen Zeitalter muss sich die Jugend wieder mit der Realität vernetzen, den direkten Kontakt erlernen und sich anstrengen, das Virtuelle auf Distanz zu halten.”

Jo Kox - Präsident von FOCUNA (Fonds culturel national Luxembourg)

„Ich persönlich gehe lieber ins Theater als ins Kino. Den Speichel im Mund des Schauspielers sehen, wenn er auf der Bühne deklamiert, bei einer möglicherweise auftretenden Gedächtnislücke als Zuschauer zittern. Außerdem sei gesagt: Die Digitalisierung der Werke ist eine gute Sache, und dies ist notwendig. Aber nichts ist wichtiger als der Blick, das Wahre, das in einem Bildnis steckt; oderdenken wir an den Besuch eines Künstlers in seinem Atelier, zu entdecken, wie er sich an die Arbeit macht, an der noch unbemalten Leinwand, zu sehen, wie er den ersten Pinselstrich aufträgt etc.“ Jo Kox setzt sich energisch für eine von Komplexen befreite Kultur ein und kritisiert heftig Kompetenz, denen die Orientierung fehlt und eine bestimmte Kultur, die globalen Charakter erhält, anstatt sich zu diversifizieren. Er fragt: „Wer kennt eigentlich noch Serge Tonnar, den einzigen Künstler, der seine Songs kontinuierlich in luxemburgischer Sprache vortrug?“ Dieses gesamte kulturelle Erbe muss bewahrt und darüber hinaus kultiviert werden.

Die ‚ADN‘ des Großherzogtums Luxemburg

Nach Ansicht von Jo Kox sollte die junge Generation über die Art und Weise, wie diese kulturellen Eigenarten zukünftig vermittelt werden, intensiv nachdenken, über dieses Wesen, das ‚die ADN‘ Luxemburgs ausmacht. Aber man sollte sich unbedingt mit Geduld wappnen und über einen ausgeprägten Willen verfügen. Die Zahlen und Statistiken bieten aktuell nur wenig aussagekräftige Informationen. Diese Intransparenz führt zu weiteren Problemen: „Man kann erst dann eine Lobby schaffen, wenn man Daten über die im kulturellen Bereich arbeitenden Personen bereit stellt. Dann muss das Feedback ausgewertet werden. Deshalb hat man den Eindruck, auf der Stelle zu treten; ohne Zahlen kann man nichts verhandeln und nichts einfordern“. In den Jahren 1999 und 2009 wurden die Kultur betreffende Umfragen in Auftrag gegeben, und es scheint, dass im Juli 2017 endlich – wie dies FOCUNA wünschte - die detaillierten Informationen aus diesem Bereich bereit stehen.

Wie Jo Kox aber auch betont, entwickelt sich die Kultur dank der Erziehung weiter. Er betont: „Die Eltern haben offensichtlich eine wichtige Aufgabe, aber auch die Lehrkräfte und die Institutionen“.

Viele sehr unterschiedliche berufliche Tätigkeiten

Die künstlerischen Berufe bieten insgesamt ein weites Feld. Aber – so Jo Kox – es gibt keine offizielle Nomenklatura. Wir haben es vorstehend erwähnt, möchten aber nochmal daran erinnern, dass man sehr unterschiedliche Berufe, wie die des Sängers, des Schauspielers, des Tänzers, der Malers, des Bildhauers, Fotografen etc. einbeziehen kann, aber auch den Sticker, den Buchmaler, den Restaurator von Kunstwerken. Angeführt sei auch, dass die im Umkreis des Künstler bzw. der Künstlerin wirkenden Berufsangehörigen in die Statistiken der kulturellen Berufe einbezogen werden. Unabhängig davon, ob Sie sich nun für die berufliche Karriere eines Galerieleiters, eines Presse-Attachés, Regisseurs, eines Drehbuchautors oder auch eines Sekretärs in einer kulturellen Einrichtung interessieren, so erfasst man Sie statistisch im Bereich der kulturellen Berufe bzw. Aktivitäten. Es muss zudem unterstrichen werden, dass sich im Digitalisierungszeitalter in diesem Bereich sehr wahrscheinlich neue Berufe herausbilden werden.

Es muss zudem unterstrichen werden, dass sich im Digitalisierungszeitalter in diesem Bereich sehr wahrscheinlich neue Berufe herausbilden werden.

Die Kultur erfasst in übergreifender Weise viele bereits vorhandene Aktivitätsbereiche, es fehlt allerdings eine institutionelle Definition. Da sich im Großherzogtum viele Sektoren, auch die Kultur, enorm weiterentwickeln, ist es unbedingt ratsam, sich bei Überlegungen, ob man eine berufliche Karriere im Umfeld der Kultur anstrebt, genauestens über die Vorteile und die Nachteile zu informieren. Mit Ausnahme der Luxuswaren-Industrie herrscht in diesem Wirtschaftszweig der Arbeitnehmer ohne sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis vor (d.h. der Handwerker, Künstler, Freiberufler), der seine Arbeit als Kunsthandwerker individuell ausübt. Sie werden - unabhängig von ihrem Status - als „Kunsthandwerker“ oder auch als „Handwerker im Dienste der Kunst“ bezeichnet, und die Arbeitsentgelte entsprechen dieser Stellung. Man kann jedoch betonen, dass das leidenschaftliche Interesse und die Berufung nicht zu vernachlässigende Faktoren darstellen; bei dieser Grundhaltung kann man seine berufliche Entwicklung sehr wohl im Kulturbereich begründen.

Was Jo Kox betrifft, so hofft er auf eine erneute Aufwertung der künstlerischen Berufe (klassische Musik, Schöne Künste, Kreativindustrien etc.), setzt sich zudem kämpferisch dafür ein, bedauert jedoch, dass im gesellschaftlichen Leben die die Kultur überzeigend verkörpernden Akteure aktuell fehlen.

Jo Kox zählt auf den Meinungsaustausch, der die Workshops - im Anschluss an die Assises culturelles - auswertet und äußert: „ Die Zahlen, die wir bekannt geben werden, werden wichtig sein, und dadurch können wir – politisch gesprochen – Gewicht erlangen.“

“Man muss die Menschen mental wachrütteln, denn der der Kultur zugewiesene Funktion stellt einen zentralen Richtwert der demokratischen Entwicklung eines Staates dar.”

Jo Kox - Präsident von FOCUNA (Fonds culturel national Luxembourg)

Diese Entwicklung hat teilweise bereits begonnen.

Anerkennung für junge Luxemburger/-innen auf internationaler Bühne

Luxemburg hat dem internationalen Publikum anlässlich der in Paris Anfang Mai 2017 im Grand Palais stattfindenden Biennale „Révélations“ (3.- 8. Mai) seine Kunstproduktionen präsentiert. Kreative Werke lassen sich also durchaus exportieren. Zeitgleich mit diesem Salon fand die internationale Ausstellung „Le Banquet“ statt; geehrt werden hier aus allen Teilen der Welt stammende kreative Persönlichkeiten; damit wird die Vitalität, die Einmaligkeit und die Kreativität der Künstler/_innen aus allen Teilen der Erde eindrucksvoll vorgestellt. In diesem Jahr kamen neun Teilnehmer/-innen aus Luxemburg. Es ist zu begrüßen, dass der Stellenwert der Kultur und kulturellen Know-hows so große Anerkennung erfahren hat.

Es liegt an unserer Jugend, diesen Bemühungen in allen Bereichen, in denen man sich als kreative Persönlichkeit voll einbringen kann, die wünschenswerte Nachhaltigkeit zu verleihen.

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