Meisterausbildung „reloaded“

Umstrukturierungen des Meisterbriefs verlaufen planmäßig

VON CHRISTOPHER ARIMONT

Strukturen und Systeme müssen flexibel sein. Sind sie nicht mehr zeitgemäß, muss etwas daran geändert werden. Dies geschieht momentan in der Chambre des Métiers (CDM) im Bereich des Meisterbriefes.

Erste Überlegungen zur Umstrukturierung dieser beruflichen Qualifizierung im Handwerk gibt es schon seit langem. 2013 kam die Idee auf, die Qualität des Ausbildungsangebotes zu verbessern und somit attraktiver zu gestalten. Eine im Vorfeld durchgeführte Studie bestätigte die Notwendigkeit zur Reform. Ende 2015 wurde dem Bildungsminister das fertige Konzept vorgestellt, aus dem das Pilotprojekt entstand. Dieses Pilotprojekt ist auf das Lebensmittelhandwerk ausgerichtet und dient als Reformgrundlage für alle anderen handwerklichen Bereiche.

Strategische Positionierung

Beim Meisterbrief handelt es sich um eine berufliche Weiterbildung in einem spezifischen Bereich. Spezialisierung ist zwar gut, muss aber mit der Zeit gehen und sich einem wandelnden Markt und aktuellen Kundenansprüchen anpassen.

„Die letzte große Reform des Meisterbriefes ist mehr als 20 Jahre her“, berichtet Marc Bissen, Hauptverantwortlicher „Brevet de Maîtrise“ der CDM. „In über 20 Jahren ist jedoch viel geschehen. Wir wollten eine konzeptorientiertere Neuerung, die sowohl auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt als auch auf aktuelle Kundenbedürfnisse eingeht.

Der Meisterbrief soll langfristig einer breiteren Zielgruppe zugänglich gemacht werden und neuen Trends wie auch zum Beispiel der zunehmenden Digitalisierung der Unternehmen gerecht werden. Aus diesem Grund hat die Chambre des Métiers für die Reform ein „Comité de Pilotage“ ins Leben gerufen, an dem auch der Direktor der Berufsausbildung des Bildungsministeriums teilnimmt.

Es wird thematisch auf verschiedenen Ebenen gearbeitet: Der Meisterbrief muss mehr Anerkennung in der luxemburgischen Bildungslandschaft finden. In Deutschland und Österreich ist der Meisterbrief bereits dem Bachelor-Abschluss gleichgesetzt. Ziel ist es, dies auch im luxemburgischen Qualifikationsrahmen (LQR) zu verankern. Hier kommt uns die Größe des Landes zu Gute, die uns ermöglicht, dieses relativ unkompliziert, schnell und vielleicht sogar besser umzusetzen.

Ein wertvolles Nebenprodukt aus der Umsetzung der Reform ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen den einzelnen Berufsbereichen: Es stellte sich heraus, dass die berufsübergreifende Kombination mancher Aktivitätsbereiche Synergien schafft, die einen strategischen Mehrwert darstellen, der den heutigen Bedürfnissen und Ansprüchen des Marktes und des Kunden gerecht wird und somit für alle gewinnbringend ist.

Die in der Meisterausbildung angebotenen Lernaktivitäten und Inhalte müssen grundsätzlich überarbeitet, Examensformen dementsprechend angepasst und Kursleiter qualifiziert und begleitet werden, um langfristig eine hohe Qualität garantieren zu können.“

Neustrukturierung im Lebensmittelhandwerk

Im März 2016 startete die Arbeitsgruppe mit der Umsetzung des Pilotprojektes. Die Gruppe bestand aufgrund des breit gefächerten Auftrags aus Vertretern verschiedener Berufssparten sowie Lehrern und berufsübergreifenden Experten aus der Praxis. In einer ersten Phase kam es zur Strukturierung der neuen Meisterausbildung sowie der Ausarbeitung eines lernergebnisorientierten Lehrplans.

„Anstatt alle handwerklichen Bereiche gleichzeitig zu reformieren und nachträglich festzustellen, dass die Reform und die damit verbundene Methode noch besser hätte sein können, wurde mit dem Pilotprojekt in nur einem Bereich gestartet“, so Bissen.

„Die fachtheoretische Ausbildung beinhaltet drei fachübergreifende und einen fachspezifischen Block. Fächerübergreifend sind zum Beispiel die Behandlung der Lebensmittelsicherheit und Ernährungslehre mit Themen der Hygiene, Rückverfolgbarkeit, Allergene, Lebensmittelintoleranz, Kennzeichnung sowie Nährwertberechnung. Fachübergreifend werden ebenfalls Produktionstechnologien, Verarbeitungsschritte, Prozesse, Prozessoptimierung, Lagerlogistik, Infrastrukturen sowie der Einsatz von Geräten und Maschinen unterrichtet.

Zudem lernen die Meisterkandidaten das spezifische Management für Lebensmittelbetriebe, welches Elemente wie Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz, Fachrechnen und Kalkulation, Vermarktung und Verhandlungsmethoden, Einführung von E-Businessanwendungen sowie Management für Catering Events beinhaltet.

Der spezifische Lernblock beinhaltet Fachkenntnisse und Speisenkonzeption und befasst sich mit Waren- und Rohstoffkunde: Das heißt, mit dem Umgang, den Eigenschaften und Frischekriterien sowie der Rezeptgestaltung. Dieser Block besteht aus drei aktivitätsspezifischen Teilen: Bäcker und Konditor, Metzger und Feinkoch. Die Meisterkandidaten nehmen im theoretischen Teil an allen drei Bereichen teil und müssen ebenfalls in all diesen Bereichen eine Prüfung ablegen. Grund hierfür ist das Niederlassungs- und Ausbildungsrecht, das alle Aktivitätsbereiche im Lebensmittelbereich umfasst. Den zukünftigen Meistern soll somit die Möglichkeit geboten werden, ihr Produkt- und Serviceangebot nach Belieben zu erweitern. Was den praktischen Teil anbelangt, kann jeder seinen spezifischen Fachbereich wählen. Nach bestandener praktischer Prüfung erhalten die Kandidaten ihren Meisterbrief im Lebensmittelhandwerk mit der jeweiligen Spezialisierung.“

Neue Herangehensweise: qualitativer & attraktiver

„Die Hauptfrage dabei war: Wozu muss ein Meister nach Abschluss der Ausbildung fähig sein? Bisher sind wir bei der Ausbildung zum Meisterbrief nur von Inhalten ausgegangen“, fährt Marc Bissen fort. „Mit der Reform schlagen wir jedoch einen anderen Kurs ein. In einer ersten Phase wurden die einzelnen Lernergebnisse definiert, was sehr aufwendig ist, da Niveau, Tiefe sowie Komplexität jeder einzelnen Kompetenz festgelegt werden müssen. In einer zweiten Phase wurden die Prüfungen an die Lernergebnisse angepasst. In einer dritten Phase ging es um die Entwicklung und Strukturierung der Lernaktivitäten, um so definierte Lernergebnisse erreichen zu können.

Anfang 2017 wurde die Erstellung der Lernpläne abgeschlossen. Eine große Sorge war, dass durch die Kombination der Bereiche wichtige Elemente verloren gehen könnten. Genau das Gegenteil ist eingetreten: Die Ausbildung beinhaltet alle traditionell wichtigen Themen, weist 70 Prozent neue Inhalte auf und ist damit modern, komplett und bietet attraktive Perspektiven.

Die Mannigfaltigkeit der Lernaktivitäten fordert neue Lernwege. So wird zum Beispiel eine digitale Lernplattform entwickelt, E-Learning Module entstehen, eine App zur Prüfungsvorbereitung ist vorgesehen sowie die Nutzung verschiedener Onlineforen, um Lernprozesse besser steuern zu können und um den zukünftigen Meistern selbst organisiertes, zeit- und ortsunabhängiges Lernen zu ermöglichen. Der Lehrplan zum Meisterbrief ist transparent und übersichtlich, damit jeder und jede genau weiß, was auf ihn und sie zukommt. Im Lebensmittelhandwerk starten die ersten Kurse im Herbst. Aktuell sind bereits zwei weitere Reformprojekte im Aufbau. Es gibt eine zweijährige Übergangsphase, während der diejenigen, die ihre Ausbildung bereits begonnen haben, diese entweder nach den bestehenden Regeln abschließen oder in das neue System wechseln können.

Ein klarer Vorteil der neuen Meisterausbildung ist die Zugänglichkeit für die einzelnen Kandidaten, da die Inhalte fachübergreifend und nicht unbedingt nur berufsspezifischer Natur sind. Außerdem bietet die Aufwertung des Abschlusses neue, interessante Perspektiven. Sie ist moderner geworden und reißt veraltete Mauern ein, was eine sehr positive Entwicklung darstellt.“