Gleichwertige Ausbildung

„Intellektuelle“ und „manuelle“ Berufsausbildungen werden noch immer zu sehr differenziert

VON CHRISTOPHER ARIMONT

Ein wesentlicher Punkt in der Diskussion um die luxemburgische Berufsausbildung ist die Frage, wie noch mehr junge Leute über diesen Weg in ihr Berufsleben finden. Das Potenzial ist nämlich präsent aber leider nicht immer voll ausgenutzt.

Pro Jahr bleiben ungefähr 200 Lehrstellen unbesetzt. Auf der anderen Seite bleiben ebenfalls potenzielle Auszubildende ohne Lehrstelle. Eine Situation, die die Chambre des Métiers (CDM) sehr bedauert. „Es handelt sich hierbei um eine große Verschwendung an Möglichkeiten.“, meint Daniel Schroeder, Direktionsrat der CDM.

„Die Frage lautet: Wie können wir das System so ausnutzen, dass mehr junge Leute ihren Zugang finden? Und dabei jedem die besten Startchancen bieten? Nach ausführlicher Anschauung dieser Situation haben wir festgestellt, dass in Luxemburg zwei fundamentale Probleme bestehen: In erster Linie ist die Gleichwertigkeit der allgemeinen Sekundarausbildung und der technischen Sekundarausbildung in den Köpfen der Bevölkerung leider noch immer nicht vollständig verankert. Für viele ist der allgemeine Ausbildungsweg noch immer hochwertiger. Diese Situation ist jedoch nicht mehr vertretbar.

Wie können wir von Gleichberechtigung reden, wenn wir unseren Kindern schon ab der Primarschule einen Stempel „gut“ oder „schlecht“ auf die Stirn drücken und sie in eine Ecke stellen? Jeder hat seine Stärken und jeder seine Schwächen, das ist vollkommen klar. Wir müssen uns jedoch die Frage stellen: Welche sind die Stärken und Schwächen im theoretischen Bereich und welche im praktischen. Diese Kriterien müssen unbedingt auf gleicher Ebene behandelt werden und in die Promotion, bzw. Progression, die Bewertung und die Orientierung der Schüler/innen mit einbezogen werden. Wir müssen dringend dieses „intellektuelle“ Schiff – welches den manuellen Part verpönt – verlassen, da es definitiv dem Untergang geweiht ist.“

Gleiche Perspektiven

Sektoren und einzelne Betriebe brauchen qualifiziertes Personal. Schon während der Ausbildung dieser Akteure ist es vorteilhaft, ihnen eine gewisse Voraussicht zu bieten und Entwicklungschancen zu geben. „Jemand, der eine berufliche Richtung einschlagen möchte und von vornherein weiß, dass es sich dabei um eine Sackgasse handelt wird diese Richtung womöglich nicht einschlagen. Sowohl intra- als auch extrasektoral.

Jeder muss – auch nach seiner Ausbildung – die Möglichkeit der Weiterentwicklung besitzen, seine Fähigkeiten ausbauen und an anderen Stellen einsetzen können. Es geht uns darum, die Durchlässigkeit zwischen den Ausbildungen, den Diplomen, den Berufen und den Systemen zu garantieren“, fährt Schroeder fort.

„Ausbildungs- und Berufswege sind heute nicht mehr linear. Und nur wenn diese Durchlässigkeit, Gleichwertigkeit und Perspektive besteht, kommt es zu einem Mentalitätswechsel in der Bevölkerung.“

Treppensystem

Die CDM arbeitet aktiv an einem System, welches, ähnlich einer Treppe, verschiedene Entwicklungsstufen enthält (CCP – certificat de capacité professionnelle, DAP – diplôme d'aptitude professionnelle, Technikerdiplom – das technischen Abitur/Abschluss 13ème, Brevet de Maîtrise & Bachelor). Bis 2008 hat sich die handwerkliche Ausbildung in den meisten Fällen auf die beiden ersten Niveaus bezogen. Die Gesetzesänderung diesen Jahres band das Technikerdiplom jedoch in die professionelle Ausbildung mit ein.

„Wir bei der CDM wollten einen Mechanismus aufstellen, der einem oder einer 16-Jährigen die Möglichkeit einer weiterführenden Perspektive bietet. Damit vermitteln wir diesen Kandidaten, dass eine persönliche Entwicklung keineswegs ausgeschlossen ist und wird, da man mit 30 zum Beispiel eine andere Person als mit 16 ist und andere Ambitionen haben kann. Wir wollen somit jedem die Zeit geben, die er für die verschiedenen Stufen braucht, da sie problemlos zu späteren Zeitpunkten überwunden werden können.

Der Vorteil bei diesem System liegt darin, dass man nie auf Null zurückfallen kann, sondern höchstens auf der schon angelangten Stufe bleibt. Der positive Blickwinkel dabei ist sehr wichtig, da die Sicherheit existiert, ein handfestes Diplom zu besitzen“, schließt Daniel Schroeder ab.